TRANSMONGOLISCHE EISENBAHN: MOSKAU – KASAN, 
IN DER 3. KLASSE NACH TATARSTAN

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Unsere erste Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn! Wir wollen keinen Luxus und steigen für 14 Stunden in einen Großraumschlafwagen mit 54 Betten. Das Ziel: Kasan, die Hauptstadt Tatarstans. Wer diese Tataren überhaupt sind, was sie in ihren Küchen zaubern und warum der Kasaner Kreml etwas ganz Besonderes ist, erfahrt ihr hier.

Aufgeregt stehen wir am Bahnhof, direkt neben dem ersten Wagon unseres Zuges. „Golden Eagle Trans-Siberian Express“ verkündet goldene Schrift auf dem blauen Wagen. Die absolute Luxus-Klasse. Wir spicken durch die Fenstersscheiben und sehen Obst und Getränke auf den Tischen. Sogar ein klitzekleiner roter Teppich ist auf dem Bahnsteig vor dem Eingang dieses Wagons ausgerollt.

Hier werden wir (natürlich und auch ein bisschen leider) nicht einsteigen. Stattdessen laufen wir vollgepackt mit unseren Rucksäcken den Bahnsteig runter, auf der Suche nach unserer Wagennummer 6. Beinah ganz am Ende des Zuges werden wir fündig.

„билет (bilet) и паспорт (pasport)“ verlangt die provodnitsa vor dem Einstieg zu unserem Wagon. Das haben wir verstanden. Przemek reicht der Zugbegleiterin unsere Tickets und Reisepässe. Was sie danach sagt, verstehen wir nicht mehr. Aber das ist auch nicht nötig. Wir machen einen großen Schritt vom Bahnsteig in den Wagon und klettern drei steile Stufen hinauf in den Wagen. Der Blick geht nach rechts. Unser Abteil alias Großraumschlafwagen: Die 3. Klasse.

Wir quetschen uns durch den Gang an den Sitzen vorbei, die gleichzeitig Betten sind. Eine lange Reihe roter Polster und heller Wände. Dicht an dicht. Es ist eng. Doch wir freuen uns. So spannend!! Wie wird unsere erste, fast 14-stündige Fahrt wohl werden?

3. Klasse

 


Achtung, Arsch!


Wir stopfen, quetschen und wuchten unsere großen Backpacks über und unter uns. Einen auf die hohe Ablage, direkt unter der Zugdecke, die nur Przemek mit 1,93 m problemlos erreicht. Den anderen in ein Fach unter der unteren Sitzbank, die wir hierfür hochklappen müssen. Und das alles auf so kleinem Raum, dass wir aufpassen müssen, dem Sitzgegenüber unsere Hintern beim Bücken nicht ins Gesicht zu strecken.

Die Decke über der oberen Schlafbank ist so niedrig, dass Anke dort nicht sitzen kann. „Przemeeeek? Hilfe!“, tönt es von oben, als Anke das erste Mal ihr Reich für eine Nacht ausprobieren will. „Kannst du die Tagesrucksäcke auf die Ablage packen? Ich kann mich nicht bewegen“. Da hängt sie, halb hockend, halb liegend. Der Plan, den ihr im Weg liegenden Rucksack selbst vom Bett aus auf die Ablage zu heben, ging durch die geringe Bewegungsfreiheit gehörig schief.

 


Instant ist das neue Kochen


Instant-Nudeln, geil! Wir können uns gar nicht erinnern, wann wir so etwas das letzte Mal gegessen haben. Doch hier gehört es zur ultimativen Transmongolischen-Eisenbahn-Erfahrung dazu. Die reisenden Russen machen das nämlich auch so.

In jedem Zugabteil, unabhängig von der Klasse, ist ein Wasserboiler zu finden. Manchmal sogar noch mit Kohle beheizt. Also heißt es: Faltbecher mit Instant-Nudeln befüllen, heißes Wasser drüber, ein paar Minuten ziehen lassen, probieren. Et voilá! Dinner is served.

Boiler

Da wir (vor allem Anke) Angst hatten auf der Fahrt zu verhungern, haben wir uns mit einer breiten Nahrungsmittelauswahl eingedeckt: Instant-Nudeln mit Rind- und Hühnchengeschmack, Instant-Kartoffelbrei, Instant-Porridge zum Frühstück, Blaubeer-Kekse, Chips, Cracker, Bananen, Äpfel, gekochte Eier und drei Sorten Tee. Wir würden auch für eine mehr als 30-stündigen Fahrt vorbereitet sein.

Essen

 


Fast perfekt


Leise rattert die Bahn uns in den Schlaf. Das Licht ist gedimmt, die Stimmen werden leiser. Im Dunkeln zieht die Landschaft an uns vorbei. Wir werden sicher zu unserem neuen Ziel getragen. Romantisch, nicht wahr?

Das ist es tatsächlich auch. Heimelig. Wir fühlen uns wohl. Liegen in sauberer Bettwäsche, die jedem Passagier ausgeteilt wird. Unsere Mägen sind mit Tüten-Nudeln gefüllt. Niemand schnarcht. Keiner trinkt laut Wodka. Nur … unsere Füße hängen ein paar Zentimeter über die Betten heraus. Bei Przemek ein paar mehr. Und das – eigentlich gedimmte – Deckenlicht leuchtet Anke direkt ins Gesicht. Doch wir sind gute Schläfer. Drehen uns so zurecht, dass es passt. Und wenn es dann nicht mehr passt, drehen wir uns wieder auf die andere Seite. Das ist schließlich alles Teil des Abenteuers der transmongolischen dritten Klasse.

Przemek Füße

 


Von der Tüten-Nudel zum Pferdefleisch


Kasan. Der erste Stop auf unserer Route ist die Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan in Russland. Hier leben orthodoxe Russen und islamische Tataren zusammen. Das zeigt sich auch in Kasans schönster Sehenswürdigkeit, die auch auf der Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde: Der Kasaner Kreml. Doch hierzu später mehr.

Tatarstan. Wir müssen zugeben, dass wir darüber nichts wussten, bevor wir hierher kamen. Das Wort klingt nach rauer Wildnis und (un)gebändigten Pferden. Und tatsächlich. Die Tataren sind ein Turkvolk, das vor Jahrhunderten unter Dschingis-Khan in Russland einfiel.

Einer Legende nach brachten diese Krieger ЭЧПОМАК (Etschpotschmack) in die Region. Das sind – wieder einmal – gefüllte Teigtaschen. Dieses Mal jedoch mit Kartoffel und Hackfleisch und in Dreiecksform. Angeblich nahmen die Reiter die getrockneten Taschen mit auf Reise und füllten diese vor dem Verzehr mit heißem Wasser. So hatten sie eine kleine Suppe in einer warmen Teigtasche.

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NATÜRLICH machen wir uns auf die Suche nach einem tatarischen Restaurant, was nicht schwer zu finden war. Man erkennt sie an den typischen Kopfbedeckungen, die sichtbar am Hauseingang platziert werden.

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An unserem ersten Abend in Kasan folgten wir der Empfehlung eines wikitravel-Eintrags, probierten die ЭЧПОМАК mit Brühe, schlürften Thymian-Tee, und Przemek stürzte sich auf das exotischste, was die Speisekarte hergab: Horse in a Pan.

Horsemeat
Pferdefleisch in einem tatarisches Restaurant. Hier am ehesten vergleichbar mit Rind, nur zarter

 


Mit einem Zettel zu gutem Essen


Eigentlich hatten wir bereits einen Haken hinter das Thema gesetzt, als der Besitzer unseres Hostels einen wertvollen Tipp gab: das beste tatarische Essen soll es in einer Kantine für wenig Geld direkt um die Ecke vom Hostel geben. Er drückte uns noch einen Zettel mit fünf russischen Gerichten in die Hand, den wir einfach der Bedienung hinter der Kantinenauslage geben sollten.

Zettel

Alle Gerichte waren nur auf russisch ausgeschrieben und die älteren Frauen, die dort arbeiteten, würden kein Englisch sprechen. Als letzten Tipp gab er uns noch mit: „Only old and angry women are working there. Don’t look them in the eyes!“ Ääääh, okay?

So dramatisch, wie er es scherzhaft darstellte, war es natürlich nicht, Es lief alles wie am Schnürchen. Wir hielten den Zettel hin und bekamen so viel Essen gereicht, dass unsere beiden Tabletts voll waren. Und der Hotelbesitzer hatte nicht übertrieben. Die ЭЧПОМАК waren saftig und frisch, der Rest ebenso lecker und vor allem besser als im Restaurant vom Vortrag, in dem wir etwa das sechsfache bezahlten. Das liegt aber vor allem daran, dass die Kantine mit knapp 300 Rubel für zwei Personen (4 Euro) sehr billig war (weitere Infos siehe Empfehlungen).

Wir holen uns zukünftig öfter Tipps von Einheimischen!

 


Das Achteckige muss aufs Viereckige


Wie bereits erwähnt, soll der Kasaner Kreml eine Augenweide sein und gilt als der schönste seiner Art. Wir würden sagen: Stimmt so! (Auch wenn wir bisher erst den Moskauer Kreml gesehen haben).

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Die Kul-Scharif-Moschee – das Schmuckstück des Kasaner Kremls

Eine Moschee hatten wir – bevor wir die Geschichte Kasans kannten – nicht im Kreml erwartet. Doch das Innenleben des Kremls spiegelt die zuvor erwähnte friedliche Koexistenz der beiden Religionen (russisch-orthodox und Islam) sowie der beiden Bevölkerungsgruppen (Russen und Tataren) wider. Neben der Kul-Scharif-Moschee befindet sich dort beispielsweise die orthodoxe Mariä-Verkündigungs-Kathedrale und den Sujumbike-Turm, der durch seine Bauart eben dieses Zusammenspiel symbolisieren soll.

Wir hoffen, dass dieses Zusammensein der beiden Gruppen und Religionen in der Realität ebenso gut funktioniert, wie tatarische neben russischer Küche und achteckige Architektur auf viereckiger. Doch um das bewerten zu können, bräuchten wir mehr als zwei Tage in dieser Region.

 


Unsere Empfehlung (Restaurant)
Tatarisches Kantine
улица Баумана 64, Baumann Street 64 (Kazan)

Das ist die Kantine, über die wir oben geschrieben haben. Den Namen der Kantine haben wir leider vergessen, aber ihr erkennt sie, an den beiden Figuren mit tatarischer Kopfbedeckung im Schaufenster (Foto siehe oben)

Die Gerichte sind alle nur in russisch ausgeschrieben. Haltet am besten das Foto von oben einer der Bedienungen hin.

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