TRANSMONGOLISCHE EISENBAHN: NOVOSIBIRSK | SPRACHBARRIEREN, SCHASCHLIK UND SA SDARÓWIE

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Wie verständigt man sich, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht? Wenn nur einige Brocken Englisch eine gemeinsame Basis bilden und man eigentlich so viele Fragen hat? Ein kleiner Hinweis: Wodka hilft. Wir sind zu Besuch bei Sergej in Sibirien, einem ehemaligen Kollegen von einem ehemaligen Kollegen von Anke.

Erstmals schlagen wir unser Lager nicht in einem Hostel, sondern einem richtigen Zuhause auf. Im Zuhause von Sergej, einem waschechten Sibirer. Geboren hier in Novosibirsk, beruflich viel in Russland unterwegs gewesen und jetzt wieder in seine alten Heimat zurückgekehrt. Während seiner Arbeit in Krasnojarsk lernte er Waldemar kennen. Viele Jahre später arbeiteten Anke und Waldemar zusammen und nun treffen dank Waldemar Sergej, Anke und Przemek in Sibirien aufeinander.


Unsere Sprache: EngRusPolisch


Sergej holt uns morgens um 6 Uhr am Bahnhof in Novosibirsk ab. Er erkennt uns sofort. Das ist aber auch nicht schwer, da wir die Einzigen sind, die mit großen Rucksäcken aus Wagon Nummer 1 aussteigen. Sergej hält einen Zettel mit Ankes Namen hoch. Den brauchen wir eigentlich gar nicht, so herzlich, wie Sergej uns entgegen lacht und uns in Empfang nimmt.

Wir merken schnell, dass die Verständigung schwierig werden könnte. Die Sprachbarriere ist groß. Sergej kramt einige Wörter Englisch aus den tiefsten Ecken seinens Gedächtnisses. Przemek wurschtelt sich aus einem Mix aus Polnisch, minimalen Brocken Russisch – oder manchmal nur vom Polnischen abgewandelten russischähnlichen Worten – zurecht. Und wenn Anke mit so einfachem Englisch wie möglich nicht weiterkommt, blickt sie immer wieder hilfesuchend zu Przemek und hofft darauf, dass er übersetzen kann. Wenn auch dann kein Weiterkommen mehr ist, helfen nur noch Google Translator und eine Übersetzungs-App mit Spracherkennung, die Sergej sich extra auf seinem Handy installiert hat.


Wir finden eine Basis


Wir bekommen schon einmal eine kurze Auto-Sightseeing-Tour direkt nach unserer Ankunft durch die noch leeren Straßen Novosibirsks und werden an den Frühstückstisch gesetzt. Wir werden eine Nacht bei Sergej bleiben und dürfen unsere mal wieder längst fällige Wäsche waschen. In den ersten Stunde haben wir bereits ein Basis-Vokabular gefunden, mit dem wir uns in den beiden Tagen verständigen und unsere Gespräche drum herum bauen werden: „Big“, „beautiful“, „warm“, „cold“ und „you like?“

Wir sprechen vor allem über das, was wir sehen „big street“ „beautiful fountain“ „big house“ „Novosibirsk is beautiful“ „big river“ „name of river: Ob“. In Novosibirsk ist tatsächlich alles sehr groß. Die Straßen sind breit – teilweise vierspurig pro Seite – , die Gebäude hoch und massiv. Überall sehen wir die typischen Plattenbauten. Der Fluss Ob ist ebenfalls sehr breit, über den mehrere Brücken verlaufen, die wir alle im Laufe der zwei Tage überqueren. „Bridge, today morning“ sagt Sergej und zeigt auf die Brücke rechts neben der, die wir gerade überfahren. „Bridge, yesterday“ sagen wir und zeigen auf eine uns bekannte Brücke, als wir einen Tag später eine weitere mit dem Auto überqueren.

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Sergej zeigt uns seine geliebte Stadt mit dem Auto und zu Fuß. „Biggest Theatre in Russia“, „Liberary“, „beautiful fountain“, „Name of Street: Red Street“, „Theatre“, erklärt er uns, während wir die Gebäude betrachten und die eine oder andere Frage stellen. „Here Opera? Ballett?“ fragt Anke und ist erstaunt darüber, wie viele Theater in Novosibirsk zu finden sind. „You want to see church?“ fragt Sergej. Wir stimmen zu und er führt uns zu einer süßen Kirche. Per Handzeichen wissen wir, wann wir links, wann wir rechts abbiegen müssen und wann wir einen Schritt zulegen sollen, weil die Fußgängerampel gleich wieder rot wird. Vor dem Eingang der Kirche muss Anke, wie in allen orthodoxen Kirchen Russlands, die Haare bedecken. Drinnen kauft Sergej eine dünne gelbe Kerze, die er auf einem goldenen Kranz mit Kerzen der gleichen Art ansteckt. Es riecht nach Weihrauch. In der Kirche ist es ganz still.


Banja, Schaschlik und Wodka mit Tomatensaft


Zwischendurch skypen wir gemeinsam mit Waldemar, der von Deutschland aus dafür gesorgt hat, dass wir diese zwei schönen Tage in Novosibirsk erleben können. Über Waldemar lässt uns Sergej fragen, ob wir Lust auf Banjaeine russische Sauna – und Schaschlik grillen in seinem Gärtchen haben. NATÜRLICH haben wir das! „Exotic?“ fragt Sergej lachend, als er unsere begeisterten Gesichter sieht. „Exotic!“ bestätigen wir breit grinsend.

Wir steigen in Sergejs Auto und holen Maja, seine Freundin ab. Wir kaufen Hähnchenfleisch für Schaschlik, Maja und Sergej beraten sich über die Wodka-Wahl und wir schließen uns Majas Vorschlags an, auf diesen Tomatensaft nachzutrinken. So machen die Russen – und auch die Polen – das nämlich: Einen Shot Wodka und einen großen Schluck eines weiteren Getränks mit Geschmack hinterher. Przemeks Lieblings-Nachtrink-Getränk aus der Jugendzeit ist gekühlter Apfel-Minze-Saft.

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Am Ufer das Flusses Ob in Novosibirsk

Wenig später, nachdem wir noch unsere Hände in den bitterkalten Ob getaucht haben, laufen die Vorbereitungen für den Abend. Wir sind in Sergejs kleinem Gärtchen angekommen. Es ist ein Schrebergärtchen mit Häuschen und Gemüsebeeten. Stolz zeigt er uns, was er hier anbaut. Wir gehen durch die Reihen, er zeigt auf die Pflanzen, die bereits durch die Erde schauen und nennt uns die Namen der Gemüsesorten auf Russisch. Auch wenn er weiß, dass wir sie wahrscheinlich nicht verstehen. Das macht aber nichts. Wir versuchen selbst zu erraten, was es sein könnte. Oh, Przemek versteht „чеснок“ (chesnok). Das heißt Knoblauch. Wieder einmal hilft uns seine Muttersprache weiter. Auf polnisch heißt es nämlich„czosnek“.

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Sergejs Gärtchen mit Banja und Gemüsebeet

Sergej heizt das Häuschen mit einem Ofen ein, dessen Rohr aus dem Fenster den Rauch ins Freie führt. „Warm“, freuen wir uns. Maja kocht uns einen Tee und bringt uns bei, wie wir das russische Wort „чай“ (chay) richtig aussprechen. Durch sie lernt Przemek auch das Wort „чашка“ (chashka), Tasse. Perfekt! So kann er uns während der nächsten Fahrten mit der Transmongolischen Eisenbahn immer diese hübschen, typischen Tässchen ausleihen, die Anke so liebt.


„sa sdarówje to good company“


Schaschlik
Schaschlik – so grillen die Russen

Mit Schaschlik im Bauch und Wodka und Tomatensaft in der Hand stoßen wir an. Auf „good company“ und „friendship“, auf „travel“ und „schaschlik“. Die Sprachbarriere scheint aufgehoben. Wir sprechen über Familie, über unsere Reise, über Rezepte von Majas babuschka und über das Leben allgemein. Über Parallelen und über Unterschiede zwischen Russland, Deutschland und Polen. Nur noch selten kommen die Gespräche ins Stocken. Sergej und Maja sprechen mit uns sehr langsam russisch mit englischen Wörtern, wenn sie ihnen einfallen. Przemek interpretiert und übersetzt und Anke hat trotz unveränderter Russisch-Nichtkenntnisse das Gefühl mitzureden und zu wissen, worum es gerade geht.

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Prost auf Wodka und Tomatensaft

Selbst wenn wir uns gegenseitig doch nicht verstehen, nicken und lächeln wir und antworten etwas, das passen könnte. Im Zweifelsfall „да“ (da) oder „yes“. Und falls das doch nicht passen sollte, lassen wir es uns gegenseitig nicht merken, gehen darüber hinweg und lächeln ebenfalls.

Дорогая майя, дорогой Сергей, cпасибо за гостеприимство и приятные два дня!
Lieber Waldemar, vielen Dank für deine Mühe! Wir grüßen deine alte Heimat von dir!


„Please sit. Two minutes“


Nach zwei schönen Tagen ist es Zeit, sich zu verabschieden. Wir stehen im Flur von Sergejs Wohnung. Die Rucksäcke sind gepackt und lehnen an der Wand. Anke hat ihren großen Backpack bereits geschultert, als Sergej sagt: „Please sit“. Er deutet auf Przemek und klopft neben sich auf die Kommode im Flur, wo er selbst bereits Platz genommen hat. Dann deutet er auf Anke und zeigt auf den Stuhl in der Küche hinter ihr. Przemek hat seinen Platz schnell eingenommen, während Anke noch verloren im Flur steht und sich fragt: „Was? Wo soll ich mich hinsetzen? Was mache ich mit meinem Rucksack?“. Als Sergej mit Nachdruck betont „two minutes. We do this in Sibiria“ stellt Anke schnell ihren Backpack auf den Boden und setzt sich daneben.

Wir schaffen es nicht herauszufinden, warum Sibirer sich zwei Minuten Zeit nehmen, bevor sie …
A. … aus dem Haus gehen
oder B. … verreisen

Unsere Vermutungen sind …
A. … um innezuhalten und zu überlegen, ob man was vergessen hat
oder B. … um darum zu bitten/beten, dass man gesund das Ziel erreicht
und/oder C. … man wieder heile zurückkehrt

Manche Fragen sind leider unbeantwortet geblieben. Vielleicht kann uns jemand von euch bei unseren Spekulationen weiterhelfen?


Wer sich fragen sollte, wo die Geschichte über die Banja bleibt, dem können wir zumindest darauf eine Antwort geben: Die Sauna blieb an diesem Tag doch kalt. Irgendetwas mit der Temperatur des Ofens hat nicht geklappt – meint Przemek jedenfalls verstanden zu haben. Doch das macht nichts. Den russischen Saunagang inklusive Birkenzweige werden wir später woanders nachholen.

Wer einen Blick in die zweite Klasse der Transmongolischen Eisenbahn werfen möchte und einen weiteren in unsere, nicht ganz so angenehme Fahrt in der dritten Klasse, der klickt am besten einmal hier. Dort erfahrt ihr auch, warum wir vor dem Aufenthalt in Novosibirsk einen Zwischenstop in der Industriestadt Tyumen gemacht haben und was da schief gelaufen ist.

3 Gedanken zu „TRANSMONGOLISCHE EISENBAHN: NOVOSIBIRSK | SPRACHBARRIEREN, SCHASCHLIK UND SA SDARÓWIE

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