Transmongolische Eisenbahn: Olchon Insel im Baikalsee, Schamanenfelsen, Spurrillen und Sinnestäuschung

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Wieder einmal überrascht uns Russland. Mit seiner Schönheit und – leider auch – mit seiner Kälte. Das Hirn friert ein. Wir machen auf unserer Route mit der Transmongolischen Eisenbahn einen Abstecher über Irkutsk auf die Olchon Insel, die einzige bewohnte Insel im Baikalsee. Sie ist der heiligste Ort für die Schamanen der Burjat-Region. Das ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart.

Im Wind wehen bunte Bänder an Ästen. Auf dem Boden finden wir immer wieder kalte Feuerstellen und bei einem Spaziergang am Ufer des Baikalsees entdecken wir den Totenkopf einer Kuh auf einem Baumstamm platziert. Ein hellblaues Band ist um ihre Stirn gebunden.

Die Olchon Insel ist der heiligste Ort für die Schamanen der Burjat-Region. Der Schamanen-Felsen, nur wenige Minuten von unserer Unterkunft entfernt, ist die heiligste Stätte an diesem heiligen Ort. Wir dürfen Zeugen werden, wie Gläubige blaue Bändchen an die Pfähle binden und ihre Gebete mit an die Pfähle gelehnten Köpfen an die Geister des Himmels schicken. Wir beobachten eine Frau, die kleine Becher mit Milch die Klippen hinunterschüttet, während sie ihr Gebet leise in den Wind spricht.

 


DIE „HAUPTSTADT“ DER INSEL OLCHON


Die Olchon Insel liegt eine fünfstündige Busfahrt von Irkutsk entfernt, wo die Transmongolische Eisenbahn hält. Der Weg führt über eine Millionen Schlaglöcher, von welchen der Fahrer notgedrungen 834.324 mit schlechten Stoßdämpfern mitnimmt. Wir haben das Gefühl, jeden einzelnen Stein zu spüren. Mit schmerzenden Hintern und steifen Rücken erreichen wir unser Hotel. Das Zimmer: Mit Blick auf den See.

Ausblick

Auf der Insel leben lediglich 1.700 Menschen. Im Sommer und im Winter, wenn der See zugefroren ist und das Eis sogar Fahrzeuge trägt, steigt die Anzahl der Menschen auf der Insel gewaltig. Dann erlebt sie einen Touristenboom, bei dem vor allem Chinesen, die das Land visumfrei betreten dürfen, den Weg auf dieses abgelegene Stückchen Erde finden. Doch während wir hier sind, im Mai, ist auch das größte Örtchen der Insel, Chuschir, verlassen. Hier laufen nur Kühe und streunende Hunde über die Straßen und ab und an fährt einer dieser süßen Jeeps, die aussehen wie ein russischer VW-Bully, über die braune Erde.

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Als wir die Insel erreichten, hätten wir nicht gedacht, dass wir nur einen Tag später in einem dieser Bullies sitzen würden. Und doch .. sehr spontan ergriffen wir die Chance mit einem der wenigen englischsprachigen Guides – vielleicht war sie zu der Zeit auch die einzige? – in den Norden der Insel zu fahren. Nach unserer harten Anreise hätten wir nicht gedacht, welch ein Spaß es machen kann, über unbefestigte Wege zu fahren!!

 


Über Stock und über Stein mit hervorragenden Stoßdämpfern


Von der Fähre, mit der die Insel erreicht wird, bis nach Chuschir führt eine Straße, die den Namen so recht eigentlich nicht verdient. Jedenfalls nicht, wenn wir an die uns bekannten in Deutschland denken. Teer? Den hat der Boden hier noch nie gesehen. Hier führt braune mit Steinchen bedeckte Erde zu der „Hauptstadt“ der Insel. Dahinter folgen nur noch Spurrillen. Doch mit dem richtigen Gefährt unterm Hintern ist das der beste Weg, den wir uns wünschen können!

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Wir fahren über Sand und über braune Spurrillen in grüner Steppe. Wir haben einen Platten, der Fahrer repariert ihn innerhalb kürzester Zeit. Er manövriert um Wurzeln und 40 cm tiefe Spalten herum durch einen Wald. Er gibt Gas, wenn wir einen Berg erklimmen, dessen Spitze bei der Anfahrt nicht zu sehen ist.

Der Wagen heizt sich mollig warm auf, als die Sonne aufs Dach scheint und vier Stunden später schieben die Scheibenwischer Schneeflöckchen zur Seite, die sich auf dem Glas niedergelassen haben.

Wir kommen vorbei an semi-wilden Pferden, die der Halter bis auf wenige, mit denen er Reittouren für Touristen anbietet, frei herumlaufen lässt. Denn – wohin sollen sie auch? Die Insel ist umschlossen vom riesengroßen Baikalsee. Kühe galoppieren vor unserem Auto her. Ja, galoppieren war hier der richtige Ausdruck. So ausgelassen rannten sie durch die Wildnis. Eine Kuh in Sibirien müsste man sein. Kleine Erdmännchen rennen über das Feld und stoppen, um zu sehen, was neben ihnen her knattert. YAKS! Wir haben Yaks gesehen! Mit Babyyaks!

Wir werden auf den weichen Sitzen durchgeschüttelt. Machen Halt an einem verlassenen Örtchen, an welchem früher einmal Menschen ins Exil verbannt wurden und Fische im Winter aus dem Eis fangen mussten. Wir stoppen an Klippenspitzen, über die Legenden erzählt werden. Wir halten an einer verlassenen Bucht, nachdem wir eine über einen Stunde gefahren sind, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Sie liegt ganz still da. Nur Forscher halten die Stellung in einer Wetterstation. Versorgen sich völlig autark. Denn bis hierhin führt keine Stromleitung. Über das Jahr hat dieser Ort viele Gesichter. Heute ist er leer und still. Im Sommer wimmelt es hier von Touristen und Souvenirverkäufern und im Herbst rollen vier bis fünf Meter hohe Wellen auf das Ufer zu.

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Ein See, groß wie das Meer


Das große Ziel der insgesamt fünfstündigen Tour ist die Nordspitze der Insel. Links von uns liegt der kleine Baikalsee, der Bereich zwischen der Insel Olchon und einem kleinen Teil des Westufers. Rechts der große Baikalsee – der Rest der immensen Wassermasse. So weit das Auge reicht. Und irgendwo, ein paar km von uns entfernt, schlummert die tiefste Stelle dieses blauen Riesen: 1.642 m unter der Wasseroberfläche. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein über 1,5 km tiefer See! Dazu noch über 600 km lang und über 80 km breit.

Es ist also kein Wunder, dass die Einheimischen nicht vom Baikalsee, sondern vom Baikalmeer sprechen. Alles andere bringt Unglück. Sie fahren aufs Meer fischen. Sie gehen im Meer schwimmen und sie haben ein Zimmer mit Meerblick – so wie wir. Also nennen wir ihn lieber auch so. Denn Unglück wollen wir nicht. Daher heißt dieses schöne Fleckchen Erde bei uns ab jetzt nur noch das Baikalmeer.

Diese Weite und der leichte Wellengang spielt dem Kopf sowieso einen Streich. Wir schlendern entlang am Sandstrand, keine 300 m von unserem Hotel entfernt. Okay, schlendern klingt jetzt etwas zu idyllisch bei gefühlten Minustemperaturen und noch eisigerem Wind. Sagen wir lieber verfroren entlangstaksen.

Also: Wir staksen verfroren am Sandstrand entlang, keine 300 m von unserem Hotel entfernt. Der Strand, auf den wir von unserem Zimmerfenster aus blicken. Es weht eine steife Brise, der Sand rutscht unter den Füßen und das Wasser bricht in kleinen Wellen am Strand. Wir sehen eine Möwe am Himmel fliegen. Ich schließe die Augen. Es fühlt sich nach Meer an. Spüre die Luft. Es fühlt sich nach Meer an. Atme tief ein. Mh. Es riecht nicht nach Meer. Es riecht nicht nach Salz. Nicht nach Fisch. Einfach nach nichts. Ich öffne wieder die Augen. Ach ja, stimmt. Wir sind ja am größten Süßwassersee der Welt.

 


DIE BANJA: EIN WUNSCH WIRD WAHR


Draußen weht der Wind. Durch die Klamotten hindurch. Verwuschelt die Haare. Zieht bis in die Knochen. Verfröstelt sehnen wir uns nach einem langen Spaziergang nach Wärme. Wärme… da war doch was. EINE BANJA! Die russische Sauna!

Das erste Mal haben wir hiervon bei Sergej, dem ehemaligen Arbeitskollegen von Ankes ehemaligen Arbeitskollegen gehört, als wir ihn für zwei Tage in Novosibirsk besuchten. Wie wir uns mit wenigen Worten gemeinsamen Wortschatzes verständigt haben, könnt ihr hier noch einmal nachlesen.

Sergej berichtete damals begeistert von seiner eigenen Banja in seinem Schrebergärtchen. Wir waren noch begeisterter, als er uns anbot, diese einmal auszuprobieren. Leider klappte etwas beim Anheizen nicht und so blieb die Banja kalt, doch unsere Bäuche wurden von innen gewärmt mit Schaschlik, Wodka und Tomatensaft.

Ab diesem Tag stand ein Besuch einer Banja ganz weit oben auf unserer WELTREISE-TO-DO-LISTE. Der Reiseführer versprach, dass eigentlich jedes Hostel auf der Olchon Insel ein Banja hätte. Und so auch unser! Direkt im Garten. Wir können sie aus unserem Zimmerfenster sehen.

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An unserem letzten Tag auf der Insel um 18:00 Uhr hieß es also Sachen packen für die Banja. Ääääh… welche Sachen denn überhaupt? Was wird für die Sauna benötigt? Wie läuft so etwas eigentlich ab? Und – wie funktioniert das denn nochmal mit diesen Birkenzweigen.

Da es in unserem Hostel kein Internet gab, konnten wir uns leider vorher nicht noch einmal schlau lesen. Also schnappten wir uns zunächst einmal ein Handtuch. Das braucht man bestimmt. Badeschlappen? Waschgel? Kann sein. Also unter dem Handtuch versteckt, um unsere Unwissenheit zu verbergen. Ah, Anke hat noch ihre Abschminktücher mitgenommen. Mädchen und so.

 


JA, BIRKENZWEIGE AUF JEDEN FALL
… ABER WIE GEHT DAS JETZT GENAU?


Die Hostelleiterin führt uns in den ersten Raum der Banja. Sie spricht kaum Englisch. Die Kommunikation läuft über Hände und Füße. Im Raum sind ein Tisch und Stühle. Etwas frisch hier. Sie zeigt auf grüne Filzhüte, die an einem Haken hängen. Irgendwie sehen die pekig aus. Was sollen wir damit machen? Frage Nr. 1. 

Sie zeigt auf zwei dünne Tücher, die auf der Stuhllehne hängen. Die sollen wir zum Umlegen verwenden. Können wir stattdessen auch unsere Handtücher nehmen? Frage Nr. 2.

Die Hostelleiterin führt uns in den zweiten Raum. Es wird wärmer. Hier liegen blecherne Wannen auf den Bänken. Sie zeigt uns, dass hier das eiskalte Wasser aus der im Raum befindenden „Regentonne“ hineingefüllt wird und sich vor der Banja damit gewaschen wird. Hierzu erstmal keine Frage.

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Sie öffnet die Tür zu Raum Nummer drei. Hier ist es mollig warm. Es ist der eigentliche Saunaraum. Ähnlich einer auch in Deutschland üblichen, kleinen Sauna mit zwei Stufen zum Hinsetzen und -legen.

Sie deutet an, wie sie sich auf den Arm schlägt. Birkenzweige wird das heißen. Ob wir welche haben wollen. JA! Darauf haben wir uns am meisten gefreut. Kurze Zeit später bringt ein Mitarbeiter die Zweige. Sie sind mit einem Metallring in einem Strauß gebunden. Trockene, hellgrüne Blätter hängen an ihnen. Sollen wir uns die jetzt einfach auf Beine und Arme hauen? Frage Nr. 3. Wo wird das gemacht? Im Waschraum oder in der Saune selbst? Frage Nr. 4.

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Okay… also Aufguss soll es ja auch noch geben. Wie funktioniert das? Frage Nr. 5. Welchen Topf nehmen wir dafür? Wird das Wasser aus der „Regentonne“ verwendet?

Wir können unsere Fragen nicht stellen, die Sprachbarriere ist zu groß. Oder wir schalten nicht schnell genug, weil wir ein wenig aufgeregt sind. Also einfach probieren.

…. Eine Stunde später …

 


… IRGENDWAS LIEF SCHIEF … ABER WIE IST’S RICHTIG?


Wir sind entspannt. Wir sind aufgewärmt. Doch wir machen uns ein bisschen einen Kopf. Denn der Saunaraum sieht jetzt so aus:

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Das kann doch so nicht richtig sein. Wir recherchieren ein paar Tage später, sobald wir wieder Internet haben.

Das Fazit: Wir haben vieles richtig gemacht – und ein paar Sachen falsch.

Zu Frage 1 | Die Filzhüte: Eigentlich wird sich bei einem Banja-Besuch ganz nackisch gemacht. Wie in einer Sauna in Deutschland. Lustigerweise gibt es jedoch Filzhüte, die sich manche als einziges Kleidungsstück in der Sauna aufziehen. Dadurch wollen sie verhindern, dass ihre Haare in der bis zu 110 °C heißen Sauna angegriffen werden. Und jap, ganz genau so wie auf dem Bild, sieht das dann in der Sauna aus.

©Depositphotos_5152628_Jim_Filim.jpgQuelle: https://www.daytraining.de/besser-leben/alles-wissenswerte-rund-ums-saunieren/

Zu Frage 2 | bereitgelegte Tücher: Wir haben jetzt einfach unsere Handtücher genommen, die genauso wie in der Sauna in Deutschland auf die Bänke untergelegt werden.

Zu Frage 3 | Wohin hauen mit diesen Birkenzweigen?: Die Zweige werden – oft auch etwas härter – auf die Haut „geschlagen“. Beine, Arme, Rücken. Wo es angenehm ist. Wer ganz hart drauf ist, der nutzt sie ohne Blätter. So bleiben nur noch die Zweige selbst, die dann jedoch ganz schön zwirbeln. Das ist aber unüblicher.

Zu Frage 4 | In welchem Raum werden die Birkenzweige genutzt?: Schon nach dem ersten leichten Schlag flogen die trocknen Blätter von den Zweigen in der Sauna herum. Das konnte doch nicht richtig sein. Das macht doch einen Riesendreck! Doch gleichzeitig verströmten sie einen angenehmen Geruch nach Tee. Das musste doch richtig sein. So verteilten sich nach und nach die trockenen Blätter auf dem Boden, blieben an uns kleben und rutschten durch die Bänke. Zum Schluss … ihr habt’s gesehen … ein Dreck.

Doch wir haben es fast richtig gemacht. Nur ein wichtiger Schritt hat gefehlt: Im Winter werden die getrockneten Zweige in Wasser eingelegt, damit diese wieder weich werden. Daraus entsteht dann auch der Aufguss (Antwort auf Frage 5: Wir hatten jetzt einfach das Wasser aus der Regentonne verwendet. Das Töpfchen dafür lag auf der Bank in der Sauna bereit). Im Sommer werden frische Zweige genutzt. Vielleicht wären die Blätter dann nicht so durch die Gegend geflogen? Vielleicht wären sie dann eher am Zweig geblieben? Und vielleicht hätte der Raum dann noch mehr nach Tee gerochen und nicht wie Tee ausgesehen?

Doch so schlimm kann das mit dem Blätterdreck dann doch nicht gewesen sein. Denn als wir einen Tag später den Bus zurück aufs Festland nahmen, drückte uns die Hostelleiterin noch schnell eine Plastiktüte mit frisch gemachten blinis, Pfannkuchen, in die Hand. Damit wir bloß noch etwas vom Frühstück des Hostels abbekamen, das wir eigentlich durch unsere frühe Abfahrt zurück ans Festland verpasst hätten.

4 Gedanken zu „Transmongolische Eisenbahn: Olchon Insel im Baikalsee, Schamanenfelsen, Spurrillen und Sinnestäuschung

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