Abenteuer Grenzübergang Russland-Mongolei

Grenzübergang Mongolei 2

Die einfachen Wege sind uns immer zu einfach. Wir wollen nicht mit der Transmongolischen Eisenbahn über die russisch-mongolische Grenze fahren. Oder den Bus direkt von Ulan-Ude nach Ulanbaatar nehmen. Wir wollen Abenteuer. Wir wollen es aufregend. Irgendwie rüber kommen. Ohne einen richtigen Plan zu haben. Doch eins ist sicher: Wir brauchen einen Schleuser mit Auto!

„Open your bag“ befielt uns ein uniformierter Kontrolleur. In seiner rechten Hand hält er die Leine des Drogenspürhundes. Przemek muss als Erster ran. Er öffnet den Reisverschluss seines großen blauen Backpacks und zieht die Tasche auseinander. Der Kontrolleur führt den Spürhund an den geöffneten Rucksack heran …


STOP! WO SIND WIR? WAS TUN WIR? WAS IST PASSIERT?


Der letzte Stand war, dass wir wieder auf dem Rückweg von der Olchon Insel nach Irkutsk sind. Unsere Köpfe und Körper noch beflügelt von den Erlebnissen der letzten drei Tage.

Es folgte unsere letzte Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn innerhalb Russlands von Irkutsk nach Ulan-Ude. Während der wir noch einen letzten Blick auf den Baikalsee … äh … das Baikalmeer werfen konnten.

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A TASTE OF ASIA?!


Der Reiseführer preist die Stadt Ulan-Ude als einen ersten Vorgeschmack auf Asien an. Nun ja… so ganz konnten wir das nicht nachvollziehen. Zwar begegneten uns dort weitaus mehr Menschen mit asiatischen Gesichtszügen, jedoch hat die Stadt nichts von der Wuseligkeit und Andersartigkeit, wie wir es erwarteten. Doch … wenn es gar nichts mit dem üblicherweise assoziierten Asien zu tun haben soll? Wenn es nicht um staubige Straßen, brennende Hitze, schmale Gassen und viele Menschen geht? Was, wenn es ein Vorgeschmack auf die uns noch unbekannte Mongolei ist? Auf das Land, von dem wir noch gar nichts wissen, wie es dort aussieht. Weite. Grün. Jurten. Das sind bisher unsere Assoziationen.

Diese Fragen gingen uns in den ersten Tagen in der Stadt, die 235 km von der Mongolei entfernt liegt, nicht aus dem Kopf. Bis wir ganz am Ende unserer Zeit in Ulan-Ude dann doch das Asien-Feeling bekamen.

 


WIR KOMMEN DER SACHE NÄHER


Und mit Sache meinen wir Grenze. Die Grenze zwischen Russland und Mongolei. Es ist möglich, diese mit der Transmonoglischen Eisenbahn zu überqueren. Das soll durch die Grenzkontrolle jedoch unverhältnismäßig lange dauern und stellt die zeitintensivste und teuerste Option dar.

Die etwas billigere und aufregendere Option ist es, mit einem Bus direkt von Ulan-Ude nach Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei durchzufahren. 12 Stunden soll die Fahrt dauern.

ODER es gibt da die abenteuerlichste Variante – die voraussichtlich auch am billigsten ist. Aber vor allem am spannendsten. Ihr könnt sicherlich schon erraten, welche es für uns wird. Natürlich… die letzte!

Heißt – wir kaufen uns ein Busticket zur letzten, auf der russischen Seite liegende Stadt an der Grenze: Kyatka. Von dort werden wir irgendwie mit einem Fahrzeug über die Grenze kommen, denn zu Fuß ist der Übergang verboten. Direkt auf der mongolischen Seite erwartet einen die Stadt Altanbulag. Und von dort wollen wir weiter bis nach Ulanbaatar. Per Bus wahrscheinlich. Wie wir aber zur nächsten Bushaltestelle in Sükbaatar hinkommen, das wissen wir auch noch nicht.

Soweit der Plan. Oder kein Plan. Wie ihr es sehen wollt.

 


WIR BRAUCHEN EINEN SCHLEUSER


Nach Kyatka direkt an die Grenze zu kommen ist ein Leichtes. Nachdem der Busfahrer, mit dem wir von Ulan-Ude gekommen sind, an der Endhaltestelle stoppt und die Passagiere nacheinander aus dem Transporter aussteigen, dreht er sich zu uns und fragt „Border?“. Wir so „Yes“. Er so „50 Rubel per person“. Wir so „Yes“.

Kurzzeitig haben wir einen totalen Höhenflug und denken, er würde uns für nur insgesamt 100 Rubel über die Grenze bringen. Doch stattdessen setzt er uns direkt vorm Grenzposten ab. Gut, macht auch mehr Sinn. Der Grenzübergang kann mehrere Stunden  dauern. Da sind 100 Rubel ein nicht sehr lukratives Geschäft.

Einmal herzlich über unsere naive Vorstellung gelacht und wir beraten uns. Wir brauchen einen Schleuser, in dessen Auto über die Grenze mitfahren können. Sollen wir den ansprechen, der schon sehr schleusermäßig aussieht und aus dessen Auto gerade eine Frau aussteigt. Der ist doch gerade durch die Schranke nach Russland eingefahren, oder? Vielleicht doch lieber einen der LKW-Fahrer, die in einer Reihe vor der Grenze standen. Oder lieber die beiden Typen, die gerade ihren Bully ausräumen? Oh, der eine geht gerade in unsere Richtung. „Mongolia?“ ruft Przemek. „Yes“, ruft er zurück und weist auf sein Auto. Mhhhh …. heißt das jetzt, wir können einsteigen? Etwas unsicher schultern wir unser Gepäck und schleichen auf das Auto zu, auf das er gerade gewiesen hat.

Dort steht ein anderer Typ. „Mongolia?“ fragt dieses Mal Anke. Ein Nicken. Wir zeigen auf das Auto, auf uns und dann auf die Gebäude der Grenzkontrolle. Ein Nicken. Wir haben unsere Schleuser gefunden!!

 


MEDIZIN FÜR DEN HINTERN


Zurück zur Gepäckdurchsuchung. Wir sind durch die erste Schranke gefahren, haben einem „unserer“ Fahrer unsere Reisepässe gegeben, mit denen er die Formalien für alle Insassen für die Überquerung regelt. Oh, ging wieder alles leichter als gedacht. Und dann kamen die Kontrolleure und ihr Drogenspürhund. 

Der Hund hält seine Nase an Przemeks Rucksack und zieht den Kopf uninteressiert wieder zurück. Obwohl wir natürlich wissen, dass wir nichts dabei haben, sind wir trotzdem ein bisschen aufgeregt. Als nächstes ist Ankes grüner Backpack dran. Wieder ein desinteressierter Hund.

„Medizin?“, fragt die Kollegin des Hundehalters. „Yes“, antwortet Anke und beginnt im Kopfteil ihres Rucksacks zu kramen. Zum Glück hat alles seinen Platz und das rote Packet mit dem weißen Kreuz drauf ist schnell gefunden. „Open“. Kurz am Reißverschluss gezogen und schon klappt das Paket auf. Die Tabletten gegen Kotzen, Kacken und Malaria sind in einem Extra-Fach durch die Plastikfolie zu sehen. „Open?“ fragt Anke und zeigt auf das Tablettenfach. „Yes“.

Unbeholfen balanciert Anke das Paket in der einen Hand, während sie mit der anderen Hand den zweiten Reisverschluss öffnet. Geschafft. Der Inhalt ist im Paket geblieben. Ein weiterer Kontrolleur wirft einen Blick auf die Verpackungen. „Put here“, sagt der erste Kontrolleur zu Anke und zeigt auf ihren Rucksack. Das soll wohl noch einmal inspiziert werden.

Beim Schließen des Reißverschlusses des Tablettenfachs passiert natürlich das, was nicht passieren sollte. Tablettenverpackungen purzeln auf den Boden, direkt vor die Füße des Kontrolleurs. Unangenehm. Schnell wieder aufsammeln und auch die vom Kontrolleur angereichten Tabletten wieder in die Tasche stopfen und auf den Rucksack legen.

Wenige Minuten später kommt der zweite Hund an der Leine einer Kontrolleurin. Ob das der Special-Agent Medizin-Hund ist? „Open“, sagt auch die neue Kontrolleurin. Anke pult am Reißverschluss herum und das Tablettenfach ist wieder geöffnet. „Buscopan“, liest die Kontrolleurin vor, als sie die Verpackungen betrachtet. „Aspirin“. Zielsicher wandert ihre Hand zu den schwarzen, runden Tabletten zu. „Ko..le..tab…let“ versucht sie das Wort auf der Verpackung auszusprechen. Oha. Die Kontrolle ist genau. Darauf hat Anke nur gewartet und hat noch einmal überlegt, wogegen was helfen soll.

Die Kontrolleurin hält immer noch die schwarzen Tabletten in der Hand und fragt: „Head?“ und zeigt auf ihren Kopf. „Stomage?“ und zeigt auf ihren Bauch. Ja, fast. Anke muss grinsen. Ihre Hand geht an den Po. „Butt“ sagt sie. Kohletabletten sollen bei Durchfall stopfen. „Oh“, sagt die Kontrolleurin. Gelächter.

 


WELCOME TO MONGOLIA


Nachdem unsere Rucksäcke inspiziert und auch der Inhalt des Autos genau betrachtet wurde, werden wir weiter gewunken. Wir wuchten unsere Rucksäcke auf der Rückbank wieder auf unsere Beine. Wir sind einquetscht zwischen rohen Eiern, Keksen und getrockneten Bananen. Die Ecken der Taschen piksen in unsere Beine. Wir können uns nicht bewegen. Doch das ist egal. Wir freuen uns! Grinsen breit.

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Es ist ein kleines Abenteuer und wir haben es gemeistert, über die Grenze zu kommen. Fast drei Stunden sind vergangen, seitdem wir an der Grenze standen und überlegt haben, mit wem wir hinüber gelangen könnten.

„Welcome to Mongolia“ sagen unsere beiden mongolischen „Schleuser“ und lachen, als die letzte Schranke sich öffnet und wir in das Land einfahren. „Hello Mongolia“ geben wir lachend zurück.

 


MONGOLEI-FEELING


Doch wir sind noch nicht an unserem Ziel angekommen. Wir wollen heute noch nach Ulaanbaatar, die Hauptstadt der Mongolei. Damit liegen noch ca. 350 km vor uns.

Eigentlich hatten uns die beiden Mongolen vorgeschlagen, dass wir mit ihnen bis nach Darkhan mitfahren könnten und von dort aus in einen Bus umsteigen. In diesem Fall schon praktisch, dass es nicht viele Straßen in der Mongolei gibt. Das klingt jetzt so einfach … „schlugen uns vor“… bis wir uns gegenseitig verstanden haben, sind sicherlich 15 min vergangen.

„Das läuft ja!“, freuen wir uns wieder, während wir auf der Rückbank des Bullys warten, der auf einem Hinterhof in Altanbulag parkt. Die beiden Mongolen räumen dabei ihre Ware – wie die besagten Eier, Kekse und getrocknete Bananen – aus und verkaufen sie weiter. Sie sind also doch irgendwie Schleuser. Eierschleuser! 

Wir sehen Greifvögel am Himmel gleiten. Sehen hinter dem grauen Schotter des Hinterhofs in der Ferne weich geschwungene grüne Berge. Auf einem Bildschirm im Auto laufen mongolische Musikvideos in Endlosschleife. Galoppierende Pferde über grüne Steppen, weiße Jurten, Sänger in traditionellen Gewändern. Unser erster „Mongolei-Moment“. 

Etwa 45 min später kommt einer unserer „Schleuser“ auf uns zu. Nach einigem Gestikulieren und mit Hilfe unseres Zeigewörterbuchs erklärt er uns, dass sie noch bis um 22 Uhr in Altanbulag bleiben würden, um ihre Geschäfte abzuschließen. Das war uns dann doch zu spät.

Wir wollten uns gerade beratschlagen, wie wir nun weiterkommen, da hatten die beiden Mongolen bereits für eine Lösung gesorgt. Und die ging so:

Schritt 1: Wir wurden in das Auto eines der Käufer gesetzt. Der fährt uns zu ….

Schritt 2: … einem Auto, bereits vollgeladen mit Taschen und rohen Eiern. Mutter und ein Baby vorne und zwei weitere Personen plus Kleinkind auf der Rückbank. Wir quetschten uns dazu. Sie brachten uns gegen kleines Geld …

Schritt 3: … zur Bushaltestelle in Sükbatar, wo eine der Mongolinnen zusammen mit Przemek zum Ticketoffice gelaufen ist, um ein Busticket nach Darkhan für uns zu kaufen.

Schritt 4: In den Bus einsteigen und das Ticket bis nach Ulaanbaatar verlängern und einfach den Differenzbetrag dazuzahlen.

Schritt 5: Fünf Stunden Busfahrt und dabei die erste Jurte entdecken!

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Schritt 6: Abends um 23 Uhr in Ulaanbaatar ankommen, in ein Taxi steigen und viel zu viel bezahlen. Wir waren einfach zu müde, um zu verhandeln. Geschweige denn zu protestieren.

Schritt 7: Unser Hostel suchen.

Schritt 8: Das Hostel finden. Freuen. WIR HABEN ES GESCHAFFT!

Schritt 9: Ins Bett fallen und ausschlafen.

4 Gedanken zu „Abenteuer Grenzübergang Russland-Mongolei

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