Mongolei: Ein(-)Blick in das Leben der Nomaden

Restaurant-Jurte 2

Unsere Zeit in der Mongolei neigt sich dem Ende zu. STOP. Es fehlt doch noch was ganz wichtiges: Geschichten über das Leben der Nomaden. Einen Einblick gefällig?

Eine der größten Besonderheiten der Mongolei sind die Mongolen. Besser gesagt ihr Lebensstil. Geprägt durch die raue Natur – eiskalte Winter und trockene Böden – waren sie schon immer ein Volk der Nomaden und sind es teilweise bis heute geblieben. Auch wenn immer mehr Menschen in die Hauptstadt Ulaanbaatar ziehen – mittlerweile wohnt dort die Hälfte der Bevölkerung – sind sie stark geprägt von der Lebensweise ihrer Vorfahren. Und viele Familien sind bis heute dem Nomadentum treu geblieben.

Als wir von der russisch-mongolischen Grenze nach Ulaanbaatar fuhren, prägten grüne Steppe und freilaufende Tiere, die die Straßen vor uns überqueren, unseren ersten Eindruck des Landes.

Kühe auf der STraße

Immer wieder entdeckten wir weiße Jurten zwischen grünen Bergen und später, während unseres Trips durch die Wüste Gobi, auf orangefarbenem Boden.

Foto Jurte

Auf Motorrädern oder Pferden treiben Mongolen – meistens die Männer – ihre Herde vor sich her. Kurz vor den Ställen werden Ziegen und Schafe „zu Fuß“ mit Steinen, Rufen und einer an einem Seil gebundenen Flasche gelenkt. Hauptsache sie flüchten vor den erzeugten Geräuschen in die gewünschte Richtung. Immer wieder verlangen die schnellen Tiere ihren Besitzern kurze Sprints ab, um sie in Schach zu halten.

Tiere treiben auf Motorrad

 


SELBSTVERSORGER


Die Nomaden leben vor allem von dem, was sie selbst produzieren. Sie betreiben kein Ackerbau, sondern ernähren sich von dem, was ihre Tiere ihnen geben. Und das ist vor allem Milch. Hierfür werden Mama-Yaks, -Ziegen, -Kamele und -Pferde … äh Stuten … in die Nähe ihrer Babies gebracht, um sie zu melken. Dabei hat jede Familie ihre eigenen Methoden, die sicherlich auch abhängig von der Tierart sind. Üblicherweise werden die Tiere einmal oder sogar zweimal am Tag gemolken. Jeden Tag! Sofa, Netflix und Chillen, wenn man mal keinen Bock hat, ist da nicht.

Diese Aufgabe fällt meistens den Frauen zu, während die Männer sich mit den restlichen Tieren in weiter Ferne auf der Suche nach neuen Grasflächen befindet.

 


DAS GEHEIMNIS:
DIE EIGENEN TIERE KENNEN


Wir hatten das Glück und konnten diesen Prozess selbst beobachten. Diese Erfahrung möchten wir gerne mit euch teilen und euch ebenfalls einen Einblick in das Leben geben, das so anders ist als das, was wir bisher kannten:

Abendliches Yak-Melken auf „unserer“ mongolischen Farm in der Khövsgöl Region.
Zuerst: Baby-Yaks fangen. Tagsüber verbringen die Kleinen ihre Zeit innerhalb der Umzäunung, die das Farmhäuschen umgibt. Einige Stunden vor Sonnenuntergang jagten wir die kleinen schreckhaften Dinger über das satte Grün, bis sie ihren kleinen Stall innerhalb dieser Umzäunung erreichten. Ganz schön ängstlich die Kleinen und damit ist es umso leichter sie zu treiben.

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Ein paar Stunden später werden die Mütter geholt. Sie verbringen ihren Tag mit den Männern in Freiheit. In dem Tal, das unterhalb des Farmhäuschens liegt. Mit einem „ksch, ksch“ treiben wir sie vor uns her. Sie kennen den Weg und laufen zu ihren Babies. Kurz vor der Farm ist dann wieder der eine oder andere Sprint nötig, um die richtigen Yaks durch das Tor zu scheuchen.

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Die Mutter auf der Farm und ihre große Tochter lassen nach und nach einige Baby-Yaks aus ihrem Stall, sodass sie zu ihren Müttern können, um zu trinken. Ein paar Minuten lang, bis die Mutter gemolken wird, dürfen die Babies ihre Bäuche füllen.

Die Frauen kennen ihre Tiere ganz genau. Manchmal binden sie die Mütter fest, manchmal die Kälber. Und manchmal sind beide Tiere so ruhig, dass das Kleine weiter trinken kann, während die Frauen melken. Danach dürfen die Kälber noch eine längere Zeit bei den Müttern bleiben und sich satt trinken.

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Anderer Ort. Andere Familie. Andere Tiere: Die Nomadenfamilie in Saga Gazriin Chuluu
Die Familie, bei der wir unsere letzte Nacht auf unserer Gobi-Tour übernachteten, hatten Ziegen. Wir waren überrascht, wie hier das Melken vonstatten ging. Nachdem die Ziegen-Mamas unter vielen Schreien und mit vielen Sprints zusammengetrieben worden sind, wurden sie in Reih und Glied an den Hälsen zusammengebunden, um sie zu melken. Eine Ziege guckt nach links, die nächste nach rechts.

Ziegenmelken_angebunden

Die Melkerinnen schnappen sich den Euter des Tieres, ziehen ihn etwas zu sich hin, benetzen ihre Finger mit der bereits gemolkenen Milch und machen sich geübt an die Arbeit. Euter für Euter, Zitze für Zitze.

Ziegen melken-euter

Dabei muss der Eimer, in dem die Milch aufgefangen wird, festgehalten werden. Und das am besten mit den Füßen oder Beinen, damit beide Hände frei sind. Sonst stößt noch eine der Ziegen den Eimer um und verschüttet das weiße Gold. So wie es unserem Guide passiert ist, als auch er sich das erste Mal Melken probierte. Wir mussten erst einmal ganz schön an den Zitzen rumziehen, bis wir ein bisschen Milch herausbekamen. Unsere Ziegen waren bestimmt schon alle.

Zu dritt versuchten wir uns an insgesamt vier Eutern. Die Ausbeute war mager. Die Mongolin neben uns arbeitete im Akkord mit geübten Bewegungen und der Vergleich war ernüchternd. SEHR ernüchternd. Da gehört einiges an Übung zu.

Nach dem Melken werden die Mama-Ziegen von ihrem Band um den Hals befreit und die kleinen Zicken zu ihren Müttern gelassen. Die Kleinen stürmten auf ihre Mütter zu und stießen ihre Köpfen hart gegen die Euter, um die Milchabgabe zu aktivieren. Ganz schön ruppig!

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SOFORT WEITERVERARBEITEN


Gleich nachdem gemolken wurde, wird die Milch haltbar gemacht. In der großen Schale des typisch mongolischen Ofens, der den ganzen Tag bereits befeuert wurde, wird die Milch erhitzt und weiterverarbeitet.

Sie bildet in ihren verschiedenen Verarbeitungsformen die Grundlage der Ernährung der Familie. Wir konnten uns während unserer Zeit in der Mongolei durch die verrücktesten Versionen probieren: Yak-Milch, Yak-Milch-Tee, Yak-„Butter“ (bzw. wahrscheinlich eine Vorstufe von Butter), Yak-Joghurt, harter Yak-Käse, Ziegen-Joghurt und Kamel-Milch!

Yak-Produkte

 


NICHTS BLEIBT UNGENUTZT


Neben der Milch wird natürlich auch das Fleisch der Tiere gegessen. Die Knochen eines Yaks werden zerstoßen zu den selbst gemachten Nudeln für eine Suppe hinzugefügt.

Nudeln machen

Mit Kamelfell wird die Jurte isoliert und Kaschmir gewonnen.

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Aus dem Fell der Schafe, das am Zaun hängenbleibt, wenn sie sich unter den Brettern hindurch quetschen, werden Kordeln gedreht, an denen die Yaks zum Melken angebunden werden.

Und mit den Knochen der Schafe und Ziegen wird gespielt. Dürfen wir vorstellen: Ankle-bone Games.

 


ANKLE-BONE GAMES:
KNOCHEN LEISTEN SICH EIN RENNEN


Je nachdem wie die Knochen gedreht werden, symbolisieren sie ein Tier.

Erklärung Ankle-bone-Tierev.l.n.r. Schaf, Ziege, Kamel und Pferd

In manchen Restaurants liegen einige Knochen zusammen mit einer „Deutungsschablone“ auf dem Tisch. Die Knochen werden „gewürfelt“ und je nach Lage der Knochen bedeutet dies etwas anderes für die Zukunft des Werfers. Wie beispielsweise die Kombination Pferd-Kamel-Pferd-Schaf: „Du wirst großes Glück haben“ (Bedeutung gerade frei erfunden)

Deutungsschablone

Nicht nur zur Vorhersage der Zukunft, auch zum fröhlichen Zeitvertreib werden die Knochen herausgeholt. Horse-Racing, gleiche-ankle-bone-„Tiere“-gegeneinander-schnipsen und eine-metallkette-hochwerfen-und-gleichzeitig-so-viele-ankle-bones-wie-möglich-schnappen sind nur drei der unzähligen Möglichkeiten.

Ankle-bone-game

 


DER WICHTIGSTE ROHSTOFF VON ALLEN


Doch nichts von dem ist möglich ohne den wichtigsten Rohstoff von allen: Wasser.

Oh, Überraschung, was?

Ja, das weiß jeder. Das wissen wir. Doch die Zeit in der Mongolei hat uns das mit einer Intensität ins Bewusstsein zurückgeholt, wie wir nie geahnt hätten.

Es begann damit, dass wir auf der Farm morgens Wasser aus dem Fluss holten und die vollen Kanister den Berg hochzogen und -schleppten.

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Das wurde in eine Tonne vor dem Haus gefüllt. Jeden Morgen. Immer wieder ist die Mutter der Familie nach draußen gegangen, um Wasser aus der blauen Tonne zu schöpfen. Um damit zu kochen oder Yakmilch-Tee zuzubereiten. Doch kein Tropfen wurde verschwendet. Das leicht dreckige Wasser mit den Resten der Milch wurde zum Spülen der großen Schale auf dem Ofen genutzt. Die Milchkannen wurden sofort mit Wasser ausgespült. Das Wasser wurde in einen weiteren Behälter gefüllt, in dem auch Brotkrumen vom Boden und die wenigen Essensreste, die übrig blieben, zu finden waren. Als Abendessen brachten wir die Reste den Hunden.

Routinierte Handgriffe. Jeder Tropfen wird genutzt. Trotzdem war stets alles sauber.

Dann waren wir Guesthouse-Manager ohne fließendes Wasser. Wir mussten es aus den Tanks am Ende des Gartens holen und ebenfalls in blaue Tonnen direkt vor der Haustür füllen.

Hatgal Wasser

Wir begannen effizient die im Haus vorhandene Schale des Ofens zu säubern. Zum Händewaschen wurde so wenig Wasser wie möglich gebraucht. Unglaublich, wie viel Wasser so eine Bettwäsche-Wäsche benötigt!

Wäsche

 


DER PREIS FÜR EINEN EIGENEN BRUNNEN


Und dann kam unsere Zeit in dem letzten Ger-Camp, bei der Familie mit den Ziegen. Sie erzählten uns über ihren Kampf um Wasser. Bis vor wenigen Jahren mussten sie kilometerweit mit den Tieren zu einem Brunnen laufen, um sie zu tränken. Doch nicht immer war noch Wasser übrig, wenn sie ihn erreichten. Viele Familien nutzen den Brunnen für ihre großen Herde mit über 1.000 Tieren.

Sie entschlossen sich einen neuen Brunnen graben zu lassen. Da der Preis hierfür bei 25.000 Euro liegt, fragten sie in der Nachbarschaft, ob man sich zusammentun wollte. Die Nachbarn lehnten jedoch ab. Die Familie entschied sich nach langer Überlegung, den Brunnen selbst zu finanzieren. Das Problem neben der hohen Summe: Sie hatten nur eine Chance. Sie mussten der Bohrfirma die Stelle nennen, an welcher der Bohrkopf angesetzt werden sollte.

Wenn sich dort kein Grundwasser befindet: Pech gehabt. Chance vertan. Die 25.000 Euro futsch. Sie versuchten es trotzdem. Die Familie wählte die Stelle, der Bohrer setzte an und begann. Tiefer und tiefer und tiefer. Bis auf 60 m. Dann endlich: Wasser.

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Das war 2005. Seitdem geht es der Familie weitaus besser. Kleine befüllbare Wasserspender stehen an den Ecken des Ger-Camps. Ein Luxus, den wir nach unserer Erfahrung der letzten Wochen sehr zu schätzen wissen!

 


NUR EIN KLEINER EINBLICK


Dieser Text ist so viel länger geworden als geplant. Doch wir hätten euch noch so viel mehr zu erzählen! 

Beispielsweise darüber, dass die Pferde das Heiligste und Wertvollste für die Mongolen sind. Dass der Eingang der Jurten immer nach Süden ausgerichtet ist. Warum die mongolischen Wrestler so seltsame Kleidung tragen und, und, und …

Doch hier ist erst einmal Schluss. Für einen ersten Eindruck vom Leben der Nomaden sollte es reichen. Wenn du noch mehr wissen möchtest und du neugierig geworden bist, bleibt dir nur eine Möglichkeit: Du solltest eine Reise in die Mongolei auf deine Bucketlist setzen.

Du wirst es nicht bereuen!

5 Gedanken zu „Mongolei: Ein(-)Blick in das Leben der Nomaden

  1. Hallo ihr beiden, euer Bericht macht Lust auf mehr! Spätestens jetzt steht die Mongolei auch auf unserer Bucket List 😉 Vielen Dank für die tollen Eindrücke. Das müssen unheimlich tolle Erfahrungen für euch gewesen sein.
    Liebe Grüße, Conny & Daniel

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für die liebe Nachricht! Es freut uns sehr, dass euch unser Bericht gefallen hat und wir euch mit unserer Begeisterung für dieses Land anstecken konnten :). Definitiv die richtige Entscheidung, die Mongolei auf eure Bucket List zu setzen ;). Welche Länder stehen noch so drauf?

      Liebe Grüße Anke & Przemek

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      1. Die Liste wird gefühlt immer länger. Wer kenntˋs nicht? Aber Länder wie Japan, Kolumbien, Bolivien und die Galapagos Inseln stehen aktuell ganz weit oben und die nehmen wir uns auf unserer derzeitigen Reise fest vor. Später auch Indien, Nepal, Alaska und den afrikanischen Kontinent. Also bunt gemischt.
        Wir wünschen euch ganz viel Spaß und Abenteuer auf eurer Weiterreise. Freuen uns bald mehr von euch zu lesen.

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      2. Ach ja, das kennen wir auch :D. Wir können uns auch gar nicht entscheiden, was wir auf dieser Reise alles sehen wollen und was wir (leider) auf später verschieben müssen.

        Eure Auswahl klingt auch super spannend! Da wollen wir auch überall einmal hin ^^.

        Wo seid ihr gerade unterwegs? Macht ihr auch eine längere Reise? Wünschen euch auch gaaaanz viel Spaß!

        Gefällt 1 Person

      3. Liebsten Dank! Im Dezember sind wir losgezogen, mit dem Ziel einmal die Welt zu umrunden. Abgesehen von der dreimonatigen Reise durch Neuseeland, hängen wir schon wieder in Südostasien fest. Können uns hier einfach nicht losreißen 🙂 Schaut gerne mal bei uns auf http://www.herzsafari.com vorbei. Zwischen Reisfeldern, Komodo Waranen und brodelnden Vulkanen versuchen wir unseren Blog bestmöglich auf Stand zu bringen.
        Wir wünschen euch unvergessliche Momente und ganz viel Abenteuer auf eurer Reise. Freuen uns auf weitere spannende Storys.
        Liebe Grüße, Conny und Daniel

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