Sri Lanka: Karma ist eine Bitch

20180914_140955

Der Beginn eines neuen Abenteuers: Sri Lanka, Colombo. Doch dieser Beginn ist alles andere als schön. Es ist peinlich zu erzählen. Doch wir tun es …

Colombo, Sri Lanka. 21:55 Uhr. Das Flugzeug landet. Draußen ist es bereits dunkel. Langsam fahren wir über die Rollbahn. Wir sitzen schweigend nebeneinander und blicken aus dem Fenster. Unsere Gedanken drehen sich um das, was uns auf unserer Weltreise in Land Nr. 6 erwartet.

20180914_000905
Unser erster Blick auf Sri Lanka aus dem Flugzeug heraus.

Wir können das Land noch nicht greifen. Haben keine Vorstellung von den Menschen, ihrer Mentalität, den Gerüchen und Geräuschen, die uns empfangen werden und ob wir uns wohl fühlen werden. Wir blicken uns an und lächeln. Wir sind bereit: Das Abenteuer kann beginnen.

 


DANCING, DANCING


Unsere ersten Schritte auf sri-lankischem Boden führen uns zum Bus, der uns in das 30 km entfernte Zentrum der Hauptstadt Colombo bringen soll. Dort haben wir unser erstes Hostel gebucht. Der Bus steht wie erwartet nur wenige Meter vom Flughafen entfernt. 

Von einer dunklen und unangenehmen Atmosphäre zum Bus, von der in einer Wegbeschreibung im Internet die Rede war, ist nichts zu spüren. Stattdessen lächeln uns zwei Sri Lanker breit und freundlich entgegen. „Colombo?“, fragen sie. „Yes“, antworten wir. Schnell sind wir und unsere Rucksäcke im Bus verstaut und fröhliche Musik dröhnt aus den Lautsprechern. „Dancing, Dancing“, sagt einer der Busfahrer lachend. Das braucht er uns nicht zweimal zu sagen. Die Musik erfasst uns. 

Dancing dancing
„Dancing, Dancing“ können wir. Sitzparty!

Feurige Klänge, die an Salsa-Beats erinnern. Doch die Sänger, die über die Bildschirme tanzen, kommen nicht aus Lateinamerika. Sie singen auch nicht auf spanisch, sondern auf Singhalesisch. Es sind sri-lankische Beats und wir lieben sie! 

Ein Mix aus Salsa und Singhalesisch? Oh ja, das gibt es. Eine Kostprobe?

 


DER ZWEITE EINDRUCK


Als wir im Stadtzentrum aussteigen, haben wir das Gefühl, zu viel für das Busticket gezahlt zu haben. 300 LKR (Sri Lanka Rupien) (1,50 in Euro) pro Person anstelle der 150 LKR, wie es im Internet und im Reiseführer stand. Doch als wir einstiegen, ließen die beiden Sri Lanker nicht mit sich verhandeln. Es wäre schon so spät, hieß es. Nachttarif also. Und es wäre ein Express-Bus in die Stadt. Der brauchte jedoch auch zwei Stunden. Nun gut.

00:53 Uhr. Während unserer ersten Schritte im Zentrum von Colombo weht uns immer wieder ein Urin-Geruch in die Nase. Menschen schlafen auf der Straße. Sonst ist kaum jemand unterwegs. Wir sind froh, als wir das Hostel erreichen.

 


DER NÄCHSTE TAG WIRD NICHT BESSER


Neuer Tag, neuer Eindruck. Wir wollen uns von unserem nächtlichen Gang durch Colombo nicht die Stadt vermiesen lassen und verlassen das Hostel, um unsere ersten Schritte durch Colombo bei Tag zu laufen.  So ganz wohl fühlten wir uns jedoch nicht. Anke noch unwohler als Przemek. Sie fragt sich warum und blickt sich um. Es sind beinah nur Männer unterwegs. Irgendwie ungewohnt und seltsam. Wieder einmal ist sie sehr froh, Przemek an ihrer Seite zu haben. Wir sind unsere Comfort-Bubble. 

„Welcome to Sri Lanka“, werden wir nur ein paar Minuten später angesprochen. Vor uns steht ein freundlich lächelnder älterer Sri Lanker. Er läuft ein paar Schritte neben uns her. „Thank you“, flöten wir zurück. „First time in Sri Lanka?“, fragt er uns. „Yes, we arrived yesterday“, antworten wir. Ein Fehler. 

Es ist uns peinlich zu erzählen, was danach passierte. Doch auch das gehört zu den Reiseerfahrungen und rückblickend können wir nur den Kopf schütteln und uns an die Stirn fassen. Wie konnten wir nur so blöd sein, uns so abzocken zu lassen? Wir können es selbst nicht glauben und es kostet Überwindung, die Geschichte niederzuschreiben. Doch wir beschönigen nichts und reden Klartext. Also … hier ist sie. 

 


ER IST EIN PROFI


Mann und wir unterhalten uns. Mann fragt uns wo wir hinwollen. Wir nennen ihm den Stadtteil Pettah. Mann sagt uns, wir wären auf dem falschen Weg. Er könne uns den Weg zeigen. Wir stimmen zu, schließlich haben wir Zeit und Zufälle und Spontanität schreiben die besten Geschichten. Wir schlendern ein wenig, der Mann erzählt uns ein bisschen über sich und schafft Vertrauen.

Er sei in Colombo, um sein Motorrad reparieren zu lassen. Er warte jetzt darauf, dass er es abholen könne, daher hätte er Zeit. Die Alkoholfahne blenden wir aus. Er hätte drei Töchter. Eine von ihnen würde Briefmarken sammeln. Er sei Buddhist. Deshalb will er Menschen helfen. Karma und so. Oh man.

Er sagt, er könne nicht so gut laufen. Ob wir nicht ein Tuk Tuk nehmen wollen. Wir stimmen zu. Er winkt eins heran. Wir fragen, wie viel es kostet. Er spricht mit dem Tuk Tuk-Fahrer und sagt „90 Rupien“. 0,46 Cent. Anke denkt, das wäre die gesamte Fahrt bis zu dem Stadtteil, Przemek weiß, dass es sich um Kilometerpreis handelt. Auch letzteres wäre gerade noch so akzeptabel. Er bittet uns zuerst einzusteigen, denn er könne nicht so gut in das Tuk Tuk reinkriechen. Damit sitzt er an der Tür und wir können nicht raus, ohne dass er aussteigt. Er spricht mit dem Tuk Tuk-Fahrer und wir fahren los

20180914_142856

Wir stoppen an einem hinduistischen Tempel. Wir könnten aussteigen und Fotos machen, schlägt er vor. Die große Kamera lassen wir im Rucksack. Wir machen nur Handy-Bilder.

20180914_132956
Unser erster hinduistischer Tempel in Sri Lanka. Wir gehen aber nicht rein.

Er könne uns nicht so viel über Hinduismus erzählen, da er Buddhist sei. Er könne uns aber einen buddhistischen Tempel zeigen. Wir stimmen zu. Wir stoppen bei einem kleinen Tempel. Wir ziehen die Schuhe aus. Der Mann geht zu einer Seitentür und holt ein Tuch raus, damit Anke ihre Schultern bedecken kann. Wir gehen von Raum zu Raum und der Mann erklärt uns die Figuren und die Bemalungen. 

20180914_140913
Unser erster buddhistischer Tempel in Sri Lanka. Dieses Mal von Innen.

Er wiederholt, dass er nichts von uns haben möchte. Dass er uns nur rumführt, weil er auf gutes Karma hofft. Nur seiner Tochter sollten wir Briefmarken schicken. Sie hätte bereits tausende und würde sie mit ihren Freunden teilen. Natürlich würden wir das tun. Er schreibt uns seine Adresse auf: Ratana Perra 124 Galle Road Kelutare, Sri Lanka. Ich habe gerade gecheckt. Die Adresse gibt es tatsächlich. Sie liegt in der Nähe von Colombo. Seinen Namen nennt er uns auch. Wir können ihn uns aber nicht merken.

20180914_143010
Da ahnten wir noch nichts von seinen Plänen.

Wir machen einen Schlenker über einen Department Store. Hier würde es feste Preise für Souvenirs und Gewürze geben. Wir könnten ja mal gucken, bräuchten aber nichts zu kaufen. Wir wollen nicht unhöflich sein. Stimmen zu. Aber wollen nichts kaufen. Das Tuk Tuk wartet draußen, er im Eingangsbereich. Wir schlendern durch. Kaufen nichts. Gehen wieder raus. Kein Problem.

45 Minuten später. Der Mann schlägt vor, uns am Strand rauszulassen. Dort gäbe es Street Food und es wäre ganz in der Nähe wo er uns angesprochen hat. Das passt. Wir haben Hunger. Wir fragen ihn, ob er mit uns essen will. Er lehnt dankend ab. 

Wir fragen, was die Fahrt kostet. Er fängt an mit dem Tuk Tuk-Fahrer zu diskutieren. Er wird lauter. Meint, der Fahrer würde versuchen uns abzuzocken. Da er aber selbst Buddhist wäre, würde er „cheating“ verachten. Er verhandelt weiter. Wird noch lauter. 

Dann hält das Tuk Tuk an der Straße an. Wir erkennen die Gebäude. Wir sind tatsächlich in der Nähe unseres Treffpunkts und unseres Hostels. „4.000 Rupien“, sagt der Mann. Wir gucken uns groß an. Schnell checken wir online, wie viel das in Euro ist, denn das kann doch nicht sein. 21 Euro? Für eine Tuk Tuk-Fahrt? Der Tuk Tuk-Fahrer hätte 6.000 haben wollen, versichert uns der Mann. 31 Euro. Wir sitzen völlig verdattert da. Das kann doch nicht sein! 

Schließlich holen wir doch das Geld raus, er lässt uns aussteigen und das Tuk Tuk fährt weg. Wir stehen da. Können es nicht glauben und langsam wird es real. Warum haben wir gezahlt? Ja, er saß in der Tür … aber wir hätten Optionen gehabt. Wir wurden abgezockt. Verarscht. Wie wir es auch drehen und wenden, der hat uns über den Tisch gezogen. 44 km sind wir definitiv nicht gefahren. Eher 6. Von wegen gutes Karma. Karma ist eine Bitch.

Wir wollen nichts lieber, als zurück ins Hostel. Wir sind stinksauer. Auf ihn und vor allem auf uns. Jeden Tuk Tuk-Fahrer, der auf unserem Weg anhält und uns fragt „Tuk Tuk?“, strafen wir mit Verachtung. Przemek antwortet noch mit bösem Blick „no thanks“ und Anke ignoriert sie völlig. 

 


(KULTUR)SCHOCK, HELLO


Und da ist der. Der (Kultur?)schock. Danach will Anke nicht mehr aus dem Zimmer. Nie wieder. Selbst die Nahrungssuche verweigert sie. Erst als eine Zimmernachbarin ihr davon erzählte, dass sie sogar 5.000 Rupien für eine 10-minütige Tuk Tuk-Fahrt gezahlte hatte und den Handel sogar bewusst einging, obwohl ihr klar war, dass sie gerade abgezockt wurde, fühlte sich Anke nicht mehr ganz so naiv und dumm. „Wenigstens hattet ihr eine Rundfahrt“, scherzt die Schwedin. 

Ja, auch so etwas passiert. Besonders in den ersten Tagen, wenn einem die Preise noch nicht geläufig sind und die neuen Eindrücke noch verarbeitet werden müssen, sind Reisende leichte Opfer für solche Abzocken. 

 


ALLES WIRD WIEDER GUT


Später konnte Przemek Anke doch noch überreden, in ein Restaurant zu gehen und ab dann wurde wieder alles besser. So schlimm ist die Welt da draußen doch nicht.

Ein Tag später landete Ankes Vater in Sri Lanka und wir werden mit ihm für zehn Tage die Mitte und den Süden der Insel erkunden. Unsere gemeinsame Reise beginnt in …

4 Gedanken zu „Sri Lanka: Karma ist eine Bitch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s